Um des Weines Willen

Idee und Wirken der Weinbruderschaften

"Eine bloße Saufgesellschaft ist noch lange kein Orden, sonst müssten ja sehr viele Orden in dem lieben Deutschland existieren." Diese ketzerische Anmerkung des aus dem rheinhessischen Wendelsheim stammenden, zu literarischem Ruhm gelangten Magister Laukhard (1757-1822) gilt noch immer.

Wein trinken ist zwar eine fröhliche Sache, und nur ein Kritikaster könnte Anstoß nehmen, wenn es ohne seelischen Tiefgang geschieht, sondern ganz einfach aus Freude am Leben und an euphorischer Steigerung des Bewusstseins, am Anderssein, am Heraustreten aus den Zwängen und Konventionen des Alltags. Auch solches Weinverständnis ist, verflacht es nicht zu stumpfsinnigem Zechen, ein Teil der Weinkultur.

Dennoch: Weinkultur ist mehr als gehobene Stimmung und festlicher Rahmen. Sie bedingt ästhetisches Wissen oder Bereitschaft, es in der "Schule des Silen" zu erwerben, ist Ausdruck allgemeiner Lebenskultur.

Mag auch der Wein Wirtschaftsgut und Politikum obendrein sein - wo er eine musische Stunde erhöht und eine Begegnung bereichert, da empfindet auch ein nüchterner, von Zweckdenken erfüllter Beobachter, dass Wein nicht nur ein aus der Traube stammendes, alkoholisches Getränk und ein von Übertreibungen freies Wein-Zeremoniell keine Show, sondern ganz einfach der dem Wein gemäße Rahmen ist.

Das Wissen um Weinkultur zu pflegen und anderen mitzuteilen ist ein Ziel jener Vereinigungen, die Außenstehende, zunächst ein wenig unzeitgemäß anmuten, weil sie manchen Habitus von gestern konservieren: die Weinbruderschaften, Weinorden, Weinzünfte, Weinkonvente und anderen weinkulturellen Vereinigungen in Deutschland. Seit dem Jahre 1954 sind sie in nahezu allen Weinbaugebieten entstanden, außerdem vielerorts jenseits des Reben-Limes.

Weinbruderschaften sind die legitimen geistigen Nachfahren antiker Weingesellschaften.

Die berühmteste war das griechische Symposion: Efeu, Zeichen der Mäßigkeit, bekränzte Tische und Zecher, wenn ein Umtrunk das "Göttermahl" eröffnete. Hatte man aus Mischkrügen der Gottheit geopfert (Wein pur zu trinken, war verpönt), stimmte der Vorsteher, Symposiarch genannt und den heutigen Bruder- und Ordensmeister vergleichbar, den Päan an (man würde heute sagen: das Bruderschaftslied). Erst bei hereinbrechender Dunkelheit begonnen, dauerte das Trinkgelage bis zum Morgengrauen. Aötenmusik der Hetären, die hernach das Fest verlassen mussten, spontan gedichtete Trinklieder und Sentenzen, Philosophie (Sokrates) und weltliche Gespräche beim Wein bereicherten das Symposion.

Noch viele andere Wurzeln haben die Weinbruderschaften unserer Zeit: die weinfröhlichen klösterlichen Orden, Wegbereiter der Weinkultur, in den Carmina burana aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts gerühmt.

Brudertrunk und Nachsprechen des Losungswortes stammen wohl von den Mysterienbünden und Geheimgesellschaften, auch das Brudermahl.

Andere, wie die Martinsbrüder, trafen sich an einem bestimmten Tag "zu Wein und Schmauserei". Wo das Maß, ist auch das Unmaß gleich vorhanden: Vor allem im 17.

Jahrhundert gab es sehr ausschweifende Weingesellschaften, die Sauf- und Schlemmerorden. Die Obrigkeit wetterte gegen allerlei Exzesse, strenge Verordnungen aber fruchteten wenig.

Auch ständische und städtische Vereinigungen standen Pate bei dem, was die heutigen

Weinbruderschaften tun: Markt- und Geleitorden, die in den Hansestädten entstanden und die Aufnahme des Fremden in die schützende und gastliche Gemeinschaft mit einer Weintaufe besiegelten.

Zu nennen sind ferner die Rebleute- und Weinbergsgesellschaften: 'Es waren dies eine Art Winzervereine, jedoch mit religiösen Elementen und Gebräuchen durchsetzt, die eigene Zusammenkünfte geselliger Art, Trinksitten und Umzüge kannten (besonders die weit verbreiteten Urbansbruderschaften, benannt nach dem Patron der Winzer, dem heiligen Urban).

Auch ein wenig Boheme spielt mit hinein - so die Zirkel Bellmanns, des schwedischen Bänkelsängers des Weines, und Li-tai-pe's, des chinesischen Hofdichters und freisinnigen Lyrikers. In konventioneller Form fanden sie in den literarischen Weinstunden der großen Bruderschaften an Rhein und Mosel Nachklänge.

Die deutschen Weinbruderschaften des 20. Jahrhunderts verfolgen ihre Bemühungen um die Weinkultur auf ganz verschiedene Weise.

Da gibt es Vereinigungen, die Weinfreunde nur in begrenzter Zahl aufnehmen. Andere wollen Publizität und Resonanz durch hohe Mitgliederzahl erreichen. Manche wollen nicht nur unter sich sein, sondern etwas bewirken, reformieren in der Weinkulturlandschaft. Vereinzelte bemühen sich in fast logen mäßiger Form um ein besonders nobles Wein-Verhältnis. In der Regel muss ein Bürge den Aufnahmeantrag befürworten (man muss würdig sein). Gibt es auch keine Beschränkung auf bestimmte Gesellschaftsgruppen, so muss einer doch mehr als das ABC des Weinwissens und mehr als Spaß an Weinproben als Mitgift einbringen.

Bruderschaften sind nicht irgendwelche Vereine. Da gibt es strenge Satzungen und ungeschriebene, feuchtfröhlich praktizierte Regeln, lateinische Wahlsprüche und keilerphIlosophisches "Gebabbel" Gepränge und Welnschalk dicht nebeneinander: nicht selten das bewusste Bemühen, nichts in Vereinsmeierei ausarten zu lassen.

Statt "Vorsitzender" oder "Vorstand" heißen die Organe "Ordenskapitel" , "Ordensrat" , "Ordensmeister", "Konvent", auch "Bruderrat" und "Brudermeister" oder "Bruderschaftsmeister" und "Bruderschaftskanzler" , anderswo "Zunftmeister" und "Symposiarch".

Doch ist es eine nicht grimmig ernst gemeinte Hierarchie - ernst nimmt man nur den Wein. Die Mitglieder schließlich heißen "Weinbrüder" ("Weinschwestern" gibt es bei einigen Bruderschaften auch, wo nicht, dürfen sie einmal im Jahr dabei sein und Weinluft schnuppern, gnadenhalber, wie böse Zungen behaupten). Weinbruderschaften haben eigene "Pans-Gesänge", geben Schriften heraus, haben teilweise wohlsortierte Weinkeller und schöne Domizile.

Im Mittelpunkt des Weinbruderschafts-Tuns stehen die mehrmaligen jährlichen Veranstaltungen und die Treffen" der Bruderschaften untereinander: Namhafte Autoren kommen als Gäste, aus allen Fach- und Kulturbereichen, mit denen der Wein Berührungspunkte hat, und das sind viele. Die aus dem Wein geborene Literatur wird erlebt, das Wort beim Wein und über den Wein in jeder Variante.

Über diese Wein-Brüderschaft hinaus, die "den Menschen lehrt, wahrhaftig und freimütig gegeneinander zu sein" (Plutarch), sind wesentlicher Bestandteil der Zusammenkünfte die Weinproben: keine solchen für Weinsäuglinge, nichts für "Schnudedunker" (wie man im rheinhessischen Raum die nennt, welche billig zu einem Räuschlein kommen wollen), nur bei besonderen Anlässen "Strunz Proben" (bei denen die Spitzengewächse präsentiert werden), oft Jahrgangs- und Sortenvergleiche -Problemproben, kurz gesagt.

Hie und da gehen die Weinbrüder auch weinpädagogisch mit den Weinwirten ins Gericht, inspizieren Weinstuben und wollen "ab Wein No. 1" kritisch sehen, riechen und schmecken, was der Keller bietet.

Zahlreich sind fördernde Aktivitäten: von Weinseminaren, die kulturell gestützt werden, bis zu jedweder Zusammenführung von Weinfreunden in der Weinlandschaft, um das Wissen vom Wein und von der Kunst, ihn zu genießen, zu mehren.

Auch Weinkultur-Politik betreiben einige der großen Weinbruderschaften, ihrem "Weingewissen" folgend und zugleich den Sorgen der Winzer sich nicht verschließend - ein selten leicht zu lösender Konflikt, gehören doch viele Weinbrüder selbst der Weinwirtschaft an. Nicht immer erfreut es die Betroffenen, wenn man sich so engagiert, stets bemüht, nicht wirklichkeitsfremd zu scheinen.

So verharren die Weinbruderschaften nicht auf der traulichen Ofenbank weinromantischer Idylle, sondern versuchen, Einfluss zu nehmen, ihre weinkulturelle Überzeugung umzusetzen in das Alltagsgeschehen, Ideal und Wirklichkeit einander näherzubringen.

Individualität wird, trotz gemeinsamer Sache, groß geschrieben, eine "Dachorganisation" lehnen die Weinbrüder einmütig ab. Sie sind keine Freunde von Klischees, und wie eine Rebsorte auf anderem Boden, in anderem Klima und hernach anderem Erzeugerkeller anderen Wein hervorbringt, so wahren sie, eifersüchtig fast, ihre Eigenheiten.

Etwas Elitäres prägt die Zusammenkünfte der weinkulturellen Vereinigungen wohl: Mögen sie auch kein hochtrabendes, esoterisches Gehabe (und sind oft mundartlicher Artikulation freudig zugetan), so wollen sie doch kein Alibi sein für Eckkneipen-Gespräche und versagen sich der Allerwelts-Trinkerei.

Aber es ist eine vom Wein geadelte Gelassenheit, kein stocksteifes Wein- Establishment, dem arroganter Dünkel aus dem Knopfloch lugte. Wo sie die Zahl ihrer Mitglieder beschränken und nicht jeden aufnehmen, geschieht dies im Glauben, dass nur enger Kontakt geistige Produktivität und Freundschaft möglich macht und "Mitläufer" unerwünscht sind.

Weinbrüder schätzen die "harten Knochen" (wie man in Mainz und im benachbarten Rheingau die stahligen Weine nennt, zu denen eine handfeste Vesper gehört) ebenso wie die erlauchten Kreszenzen, in fürstlichem Spiegelsaal gereicht.

Aggressionslose Diskussion, Persiflage und Selbstironie sind gleichermaßen Bestandteil des Weinbruderschafts-Lebens wie die Verbundenheit mit der Region, deren Weine man (hauptsächlich, doch nicht ausschließlich) kennt und trinkt.

An naiven, untauglichen, aber dennoch ärgerlichen Versuchen, die Weinbruderschaften zu vordergründigem finanziellen Nutzen nachzuahmen und zu "Kundenfang" zu missbrauchen, fehlt es allerdings nicht. Dass damit der Sache Wein insgesamt geschadet wird, auch den Weinbruderschaften, wird übersehen.

Denn wenngleich sie nicht trojanisches Pferd der Weinwerbung sein wollen (so etwas ist in einigen Satzungen strikter Ausschlussgrund) und sich hierin deutlich von den meisten französischen Weinbruderschaften unterscheiden, so ist ihre Ausstrahlung doch stark genug, um dem Wein ein gutes Image zu verschaffen.

Dass das Wort "Kultur", ohnehin schwer fasslich, darum oft als kommerzieller Vorwand verstanden wird und Tradition mit der Anrüchigkeit des "Muffs von tausend Jahren" behaftet ist, wissen die Wein-Orden wohl. Da braucht es viel Gespür, um glaubhaft zu bleiben.

Aber die Männer, die da zusammenkommen, haben erfahren, dass Wein mehr ist als ein Stimmungs-Präparat, dass er alle, die ihm huldigen, lebendig bleiben lässt, im Sinne von "vital" ebenso wie im Sinne geistiger Beweglichkeit und Aufgeschlossenheit.

Es ist zweifellos das Bürgertum, das Form und Inhalt der Weinbruderschaften bestimmt - nicht aber das Spieß-Bürgertum. Georg Gottfried Gervinus, Professor für Geschichte und Literatur in Göttingen und Heidelberg, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts lebte, ließ dies in seiner "Geschichte der Zechkunst" anklingen:

"Da nun von dem Wesen der Geselligkeit alle menschliche Kultur ausgeht, so wird sich (...) zeigen, in wie großer und enger Beziehung der Wein mit der Kultur der Staaten, mit dem Aufblühen freier menschlicher Bildung steht, wie die Trinkkunst mit dieser Bildung und Kultur allezeit Schritt hält, sinkt und steigt.

Eine Fülle von Korporationen und Brüderschaften nehmen sich mit Wachsamkeit auf die Materie, mit Gesetzmäßigkeit in Form einer Reinheit des Weines und der Zechkunst an."

Auch bei den deutschsprachigen Weinbruderschaften des 20. Jahrhunderts möge stets gelten, dass Weinluft frei macht von der Gefahr geistiger Öde und gesellschaftlicher Nabelschau.

[Prof. Dr. Hans-Jörg Koch, 1989]

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